Max Liedtke, Horant Schulz: Knabenchor – Last, Glück, Lebenschance?. Eine Untersuchung am Beispiel des Windsbacher Knabenchors, Augsburg: Wißner Musikbuch Verlag, 2012 (Forum Musikpädagogik Band 107, Augsburger Schriften), 156 Seiten, 17 x 24 cm, Deutsch, Abbildungen, Softcover
ISBN 978-3-99094-376-2 (pbk) € 19,80
Knabenchor – Last, Glück, Lebenschance?
Eine Untersuchung am Beispiel des Windsbacher Knabenchors
Knabenchöre gehören zu den Glanzstücken der Musikkultur. Aber gerade in jüngster Zeit tauchten mit großem Medienecho Vorwürfe auf, die glänzenden Erfolge seien oft mit pädagogisch bedenklichen Methoden erkauft worden. Von Missbrauch und Misshandlungen war die Rede.
Die Autoren Max Liedtke und Horant Schulz haben diese keineswegs neuen Vorwürfe am Beispiel des Windsbacher Knabenchores aufgegriffen und in umfassenden Untersuchungen alle noch erreichbaren ehemaligen Sänger der Abschlussjahrgänge 1947– 2010 nach deren Erfahrungen und Einschätzungen befragt. Hauptziel der Befragung war herauszufinden, was es nach Meinung der ehemaligen Choristen denn in der Summe für ihr Leben gebracht habe, im Chor mitgesungen zu haben. Das Resümee dieser umfänglichen Befragungen wird hier vorgelegt.
Ohne Zweifel, es hat problematische Formen von Erziehung gegeben. Bis in die 1970er-Jahre gab es, wie in der gesamten christlich-europäischen Tradition, auch körperliche Züchtigungen, die aus heutiger Sicht als Misshandlungen anzusehen sind. Kritik ist berechtigt und erforderlich.
Aber aus allen Phasen der Chorgeschichte berichtet die weit überwiegende Mehrheit der Choristen nach Abwägen der Vor- und Nachteile von ungeheuren Gewinnen, die sie aus den Chorerfahrungen geschöpft haben – Gewinne, die auf anderen Wegen kaum zu erlangen gewesen wären. So konnte über die Chorerfahrungen Musik geradezu auch „ein Schlüssel zum Leben“ werden, wie es einer der Befragten zugespitzt formuliert hat.
INHALT
Vorwort (Max Liedtke)
I. ZUM GESCHICHTLICHEN INTERPRETATIONSRAHMEN DER BEFUNDE
1. Varianten durch personelle Wechsel in Chor, Internat und Schule
2. Varianten durch Veränderungen der Aufgabenstellungen von Chor und Internat
3. Interne Gründe der Wandlungsprozesse
4. Externe Gründe der Wandlungsprozesse
4.1 Landesweiter Ausbau der weiterführenden Schulen
4.2 Ächtung körperlicher Züchtigung und angsteinflößenden erzieherischen Verhaltens
4.3 Die zunehmende Mobilität und die Verbesserung der elektronischen Kommunikationsmöglichkeiten
II. DIE BEFUNDE
1. Methodologische Anmerkungen
2. Ergebnisse: Untersuchung 1996
(Auswertung von Berichten aus: Der Windsbacher Knabenchor 1996)
2.1 Unterschiedliche Erinnerungen: Lasten / Missbrauch / Lob / Neuanfang / Gewinne
2.2 Widerständigkeiten
2.3 Abwägende Urteile
2.4 Zentrale Erträgnisse
3. Untersuchung 2002: Befragung Abschlussjahrgänge 1947–1996 (Dissertation Horant Schulz)
3.1 Anzahl der Probanden der „Thamm-Zeit“ (TZ) (Abgänger 1947–1977)
3.2 Anzahl der Probanden der „Beringer-Zeit“ (BZ) (Abgänger 1978–1996)
3.3 Die Anzahl der Probanden nach Jahrgängen geordnet(Beendigung des Windsbacher Aufenthaltes)
3.4 Unterschiedliche Erinnerungen
3.4.1 Klagen: Beispiele negativer Erinnerungen an das Windsbacher Internat
3.4.2 Notwendigkeit von Differenzierungen
3.4.2.1 Zum quantitativen Verhältnis der negativen undpositiven Beurteilungen
3.4.2.2 Beispiele positiver Erinnerungen an das Windsbacher Internat
3.4.2.3 Unterschiedliche Bewertungen identischer Situationen/Personen
3.4.2.4 Wechsel von negativen zu positiven Einschätzungenim Laufe der Internatszeit
3.4.3 Zwischenresümee: Unterschiedliche Erinnerungen
3.5 Erträgnisse
3.5.1 Schulabschlüsse
3.5.2 Berufl iche Entwicklung
3.5.3 Konzerterinnerungen
3.5.4 Die zentrale Frage: Subjektive Einschätzung der BedeutungWindsbachs für die spätere Lebensgestaltung (Sicht des Erwachsenen)
3.5.4.1 Quantitative Angaben (Tabellarische Übersicht)
3.5.4.2 Qualitative Angaben: Beispiele der Begründungen durchdie Probanden
3.5.4.2.1 Negative Voten: Beispiele von Begründungen
3.5.4.2.2 Positive Voten: Beispiele von Begründungen
3.5.5 Beispiele freier und ergänzender Abschlussbemerkungender Probanden
3.5.5.1 Probleme/Defi zite: Psychische Probleme
3.5.5.2 Positiva
3.6 Zwischenresümee: Erträgnisse
4. Ergebnisse: Untersuchung 14. Mai 2010
(Umfrage: Chorprobe Ehemalige)
4.1 Tabellarische Zusammenstellung der Ergebnisse zur Erhebung vom 14.5.2001
4.2 Auswertung
5. Ergebnisse: Untersuchung 2011
(Abschlussjahrgänge 1997–2010)
5.1 Befunde
5.1.1 Fragen bezogen auf die Zeit in Windsbach
5.1.1.1 Erinnernde Einschätzung der Bedeutung von Internat, Schule und Chor während der Windsbacher Zeit
5.1.1.2 Nachhaltige Erfolgserlebnisse im Chor und die Häufigkeit dieser Erlebnisse
5.1.1.3 Musikalische Lerngewinne bei der Stimmbildung, bei Chorproben und bei der Instrumentalausbildung
5.1.1.4 Elitechor?
5.1.1.5 Belastung durch Stimmbildung, Chorproben, Instrumentalausbildung
5.1.1.6 Bedeutung von Publikumsbeifall, Presseecho, Lob durch Chorleiter
5.1.1.7 Belastung durch Schulunterricht
5.1.1.8 Engagement für die Schule
5.1.1.9 Auswirkungen schulischer Belastungen auf die Chorarbeit
5.1.1.10 Enttäuschungen im Chor
5.1.1.11 Aufhebung von Enttäuschungen durch chorische Erfolge
5.1.1.12 Rivalitäten im Chor
5.1.1.13 Zur Betreuung im Internat
5.1.1.14 Internat: Freizeitaktivitäten, Bildungsangebot, Umgang mit Konfl ikten, Bedeutung des Internats für den Chor
5.1.1.15 Besuch des Internats auch ohne chorisches Interesse?
5.1.1.16 Wahrnehmung der religiösen Ausrichtung des Internats
5.1.1.17 Bewertung der religiösen Ausrichtung des Internates
5.1.2 Fragen bezogen auf die Zeit nach Windsbach
5.1.2.1 Rückblickende Einschätzung der Bedeutung von Internat, Schule und Chor aus heutiger Sicht
5.1.2.2 Heutige Beziehungen zur Musik
5.1.2.3 Leitung eines Chores, einer Gesangsgruppe, eines Orchesters, einer Instrumentalgruppe
5.1.2.4 Gesellschaftliches Ansehen als ehemaliges Mitglied des Windsbacher Knabenchores
5.1.2.5 Übertragung des erlebten Anspruchsniveaus des Windsbacher Knabenchores auf die spätere Lebensführung
5.1.2.6 Wurde von den Probanden jemals ernsthaft bereut,Mitglied des Windsbacher Knabenchores gewesen zu sein?
5.1.2.7 Hat es in Windsbach Verletzungen gegeben, deren Nachwirkungen noch anhalten?
5.1.2.8 Kontakte zu Chor- und Internatsfreunden
5.1.2.9 Dürfte der eigene Sohn in den Windsbacher Knabenchor undins Windsbacher Studienheim?
5.1.2.10 Würde man dem eigenen Sohn empfehlen, in den Windsbacher Knabenchor und ins Studienheim zu gehen?
5.1.2.11 Beurteilung der seinerzeitigen religiösen Erziehung in Windsbach aus heutiger Sicht
5.1.2.12 Beurteilung der bis in die 1970er-Jahre durch einigeWindsbacher Erzieher praktizierten körperlichen Züchtigungen
5.1.3 Freie Äußerungen
5.2 Zwischenresümee
5.2.1 Zur pädagogischen Situation in Windsbach
5.2.2 Erträgnisse
6. Resümee
6.1 Recht und Unrecht der Missbrauchsdiskussion (2010)
6.2 Der Chor als gewichtigste Bildungseinrichtung
6.3 Was hat man davon, Sänger in einem Knabenchor gewesen zu sein?
6.3.1 Musikalische Zugewinne und Übernahme von „Sekundärtugenden“
6.3.2 Die Fülle an Erfolgserlebnissen
6.3.3 Übertragung von Anspruchsniveaus
6.3.4 Intensive Freundschaften
6.3.5 Große kulturelle und soziale Leistungen
7. Literatur
8. Anhang
Anlage 1: Fragebogen (H. Schulz, 2002)
Anlage 2: Begleitschreiben zum Fragebogen
Anlage 3: Fragebogen zur Mitgliedschaft im Windsbacher Knabenchor (Abschlussjahrgänge 1997–2010)

